Existenzanalyse
Die Existenzanalyse nimmt den Menschen in seinem konkreten Erleben ernst. Sie fragt danach, was einen Menschen bewegt, was ihm im Leben wichtig ist und welche Antwort in einer bestimmten Situation stimmig werden kann.
Im Mittelpunkt steht der Mensch als Person: nicht nur das, was mit ihm geschieht, sondern auch seine Möglichkeit, sich zu dem Erlebten zu verhalten, Stellung zu nehmen und das eigene Leben mitzugestalten.
Existenzanalytisch geht es deshalb nicht allein darum zu verstehen, warum etwas so geworden ist, sondern auch um die Frage: Wie kann ich mit dem, was mir begegnet, umgehen? Was ist mir wichtig? Wozu kann ich stehen?
Was bedeutet Existenzanalyse?
Existenzanalyse beschäftigt sich mit grundlegenden Bedingungen, unter denen ein Mensch sein Leben als stimmig und erfüllt erleben und gestalten kann.
Dabei geht es um Erfahrungen wie Halt und Sicherheit, Beziehung und Wert, das eigene Selbstsein sowie Orientierung und Sinn. Diese Dimensionen werden in der Existenzanalyse in vier Grundmotivationen beschrieben. Sie lassen sich in vier grundlegenden Fragen zusammenfassen:
Kann ich sein?
Mag ich leben?
Darf ich ich sein?
Wofür soll ich leben?
Damit werden unterschiedliche Dimensionen menschlichen Lebens angesprochen: Raum, Schutz und Halt; Beziehung, Nähe und Wert; das Eigene, Selbstwert und Authentizität; schließlich Sinn, Aufgabe und Zukunft.
Diese Fragen sind nicht als Checkliste zu verstehen. Sie bieten unterschiedliche Zugänge zu dem, was einen Menschen in seiner konkreten Lebenssituation beschäftigt.
Die vier Grundmotivationen
Die erste Grundmotivation richtet den Blick auf das Sein-Können. Es geht um die Frage, ob ausreichend Raum, Schutz und Halt vorhanden sind, um mit den Bedingungen des eigenen Lebens umgehen zu können.
Die zweite Grundmotivation betrifft das Leben-Mögen. Hier stehen Beziehung, Zeit, Nähe und die emotionale Zuwendung zum Leben im Mittelpunkt.
In der dritten Grundmotivation tritt das eigene Ich deutlicher hervor. Ihre Leitfrage lautet: Darf ich ich sein? Es geht darum, das Eigene wahrzunehmen, sich von anderem unterscheiden und abgrenzen zu können, sich selbst anzusehen und wertzuschätzen und zu dem stehen zu können, was einem entspricht.
Die vierte Grundmotivation richtet den Blick schließlich auf Sinn, Aufgabe und Zukunft: Wofür soll ich leben? Hier geht es darum, die eigene Situation in einem größeren Zusammenhang wahrzunehmen und zu erkennen, welche wertvolle Möglichkeit in dieser Situation verwirklicht werden kann.
Die Grundmotivationen bauen aufeinander auf und stehen zugleich miteinander in Verbindung. Sie sollen menschliches Erleben dabei nicht in ein starres Schema einordnen, sondern helfen, genauer zu verstehen, wo etwas im eigenen Leben nach Klärung verlangt.
Das Eigene wahrnehmen und zu sich stehen
Ein wichtiger Gedanke der Existenzanalyse ist die Frage nach dem Eigenen.
Menschen leben in Beziehungen, Erwartungen, Rollen und Verpflichtungen. Dabei kann mitunter unklar werden, was tatsächlich dem eigenen Erleben entspricht:
Was denke und fühle ich selbst? Was ist mir wichtig? Was stimmt für mich? Wo brauche ich eine Grenze?
Zum Eigenen gehören das eigene Denken, Fühlen und Wollen ebenso wie Überzeugungen, Wünsche, Wertungen und Grenzen.
Abgrenzung bedeutet dabei nicht einfach, andere zurückzuweisen. Eine persönliche Grenze erhält ihren Sinn dadurch, dass sie etwas Eigenes schützt. Hinter einem persönlichen Nein steht deshalb auch ein Ja zu etwas, das einem selbst wichtig ist. Eigenes und Grenze stehen damit in einem unmittelbaren Zusammenhang.
So verstanden geht es nicht darum, sich gegenüber anderen durchzusetzen, sondern darum, in Beziehung bleiben zu können, ohne sich selbst darin zu verlieren.
Person, Freiheit und Verantwortung
Als Person kann sich der Mensch zu dem verhalten, was ihm begegnet. Er ist nicht ausschließlich auf seine inneren und äußeren Bedingungen festgelegt.
Das bedeutet nicht, dass Lebensumstände beliebig verändert werden könnten. Vieles ist zunächst gegeben. Entscheidend wird die Frage, wie ein Mensch innerhalb seiner tatsächlichen Möglichkeiten damit umgehen und welche eigene Stellungnahme er dazu finden kann.
Persönliche Freiheit bedeutet in diesem Sinn nicht Grenzenlosigkeit. Sie zeigt sich dort, wo eine eigene Antwort möglich wird.
Damit verbindet sich Verantwortung: Wie gehe ich mit dem um, was mir in meiner konkreten Situation möglich ist?
Existenzanalytische Arbeit richtet den Blick deshalb sowohl auf das, was einen Menschen geprägt hat und heute beeinflusst, als auch auf seine Möglichkeit, dazu Stellung zu beziehen und sein Leben innerhalb seiner Möglichkeiten mitzugestalten.
Sinn und Orientierung
Sinn wird in der Existenzanalyse nicht nur als abstrakte Frage nach dem „Sinn des Lebens“ verstanden. Existentieller Sinn bezieht sich auf die konkrete Situation und die Frage:
Was soll durch mich in dieser Situation werden?
Dazu gehört zunächst, die Wirklichkeit möglichst genau wahrzunehmen: Was ist tatsächlich gegeben? Was lässt sich nicht verändern? Wo bestehen Möglichkeiten?
Anschließend kann betrachtet werden, welche dieser Möglichkeiten persönlich wertvoll ist, wozu man sich entscheiden kann und wie diese Entscheidung im eigenen Leben umgesetzt werden kann.
Die existenzanalytische Sinnerfassungsmethode beschreibt diese Bewegung mit vier Begriffen:
Wahrnehmen – Werten – Wählen – Wirken.
Eine Situation wird wahrgenommen, die vorhandenen Möglichkeiten werden auf ihren Wert hin betrachtet, eine Möglichkeit wird persönlich gewählt und schließlich in konkretes Handeln überführt.
Sinn bleibt damit nicht allein eine gedankliche Antwort. Er wird konkret, wenn ein Mensch eine wertvolle Möglichkeit erkennt, sich persönlich dafür entscheidet und sie in seinem Leben verwirklicht.
Was bedeutet das für die therapeutische Arbeit?
In der Therapie bedeutet dieser Ansatz für mich, den Menschen nicht vorschnell auf ein Problem oder Symptom zu reduzieren.
Ausgangspunkt ist das konkrete Erleben: Was beschäftigt Sie? Was macht eine Situation mit Ihnen? Was ist Ihnen darin wichtig? Was entspricht Ihnen – und was nicht?
Dabei muss nicht von Beginn an feststehen, welche Antwort gefunden werden soll. Im therapeutischen Gespräch kann zunächst genauer verstanden werden, was innerlich und äußerlich wirksam ist.
Daraus kann sich zunehmend eine eigene Position entwickeln: Was kann ich annehmen? Wo braucht es Veränderung? Was ist mein Eigenes? Wozu kann ich stehen? Welche Möglichkeit erscheint mir angesichts meiner Situation als stimmig?
So kann existenzanalytische Psychotherapie dazu beitragen, das eigene Erleben besser zu verstehen und wieder deutlicher wahrzunehmen, wie man selbst zu seinem Leben und zu den Anforderungen einer konkreten Situation Stellung nehmen möchte.
Im eigenen Leben selbst vorkommen
Ein Gedanke aus der dritten Grundmotivation fasst einen wesentlichen Aspekt für mich besonders gut zusammen:
„Ich komme in meinem Leben selber vor.“
Das bedeutet nicht, ausschließlich um sich selbst zu kreisen. Das Eigene entwickelt sich auch in Beziehung und Begegnung. Gleichzeitig braucht Begegnung ein Gegenüber, das sich selbst wahrnehmen und vertreten kann. Abgrenzung und Beziehung sind deshalb keine Gegensätze.
Existenzanalytische Psychotherapie kann einen Raum eröffnen, das eigene Erleben genauer wahrzunehmen, sich selbst darin ernst zu nehmen und eine persönlich getragene Antwort auf das zu finden, was das Leben gerade verlangt.
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